Neue Keramik 6/2022

Aktuelle Ausgabe – Neue Keramik 6/2022

Im PORTRAIT: 8 Keramikkünstlerinnen und -künstler aus Deutschland, Großbritannien, Italien, Korea. Wir berichten über AUSSTELLUNGEN und VERANSTALTUNGEN aus Deutschland, Großbritannien, Schweiz, Frankreich, Kuba, Lettland. Im KÜNSTLER-JOURNAL stellen wir Yasunaga  Masaomi und Pattie Beerens. Darüber hinaus Werkstattgespräche, Termine, Kurse, Seminare, Märkte.

Inhalt

DIE NEWS

PORTRAITS
Christin Müller – Deutschland
Zoe Preece – Großbritannien
Ben Fosker – Großbritannien
Ana Hillar – Italien
Bodo Röder – Deutschland

AUSSTELLUNGEN / VERANSTALTUNGEN
Frechener Keramikpreis 2022 Frechen – Deutschland
18.Internationale Keramik-Biennale 2022  – Carouge – Frankreich
Musée de la Céramique – Ger (Mancha) – Frankreich
Raku & Malevich – London – Großbritannien
Urnen – hoi Keramik – Luzern – Schweiz
Comunaute de l’Arche – Flayssiere – Frankreich
Intonation – Deidesheim – Deutschland
AIC / IAC Konferenz 2022 – Genf – Schweiz
Museum für Zeitgenössische Keramik – Havanna – Kuba
Chambers of Tales – Daugavpils – Lettland
Schweizer Keramikausbildung – Bern / Biel – Vevey – CFP – Schweiz

BÜCHER
Neue Lektüre – International

KÜNSTLER-JOURNAL
Yasunaga  Masaomi (Japan) und Pattie Beerens (Australien) – Ting-Ju Shao 

WERKSTATTGESPRÄCHE
Melanie Ferguson – Evelyne Schoenmann  – Interview / Technik

TERMINE / Ausstellungen / Galerien / Museen
Ausstellungskalender    International

KURSE / SEMINARE / MÄRKTE
ANZEIGEN
VORSCHAU / IMPRESSUM

Leseproben

Christin Müller 

Die Plastiken von Christin Müller verharren häufig in statischer Ruhe und scheinen zugleich vor Expressivität zu bersten. Ihre innere Struktur mitsamt Bruchkanten und Hohlräumen wird für das betrachtende Auge offengelegt. Der Blick kann eindringen in das statische Gefüge, in dunkle Hohlräume inmitten rissiger Konturen. Der Mensch – ein Fragment.
Es ist ein großes Glück, Kunst machen zu können in heutigen Zeiten, sagt die Künstlerin, sich immer wieder ins Atelier zurückziehen zu dürfen, ins Zwiegespräch mit neuen und älteren Werken, keine Nachrichten während der Arbeit hören zu müssen und dabei doch weltdurchlässig zu bleiben. In geschützter Atmosphäre stellt sich Christin Müller in ihrer Arbeit ihren eigenen Fragen. Wie weit kann ich gehen, bis etwas instabil wird? Wann ist die Grenze der Fragilität überschritten? Sind wir doch stärker, als wir glauben, es zu sein?
Der Prototyp für ihre heutigen Arbeiten waren ursprünglich einmal musikalisch-abstrakte  Treppengebilde, berichtet die Künstlerin. An ihnen trieb sie noch während des Studiums Material- und Formstudien und wendete Methoden wie die aus dem Kachelofenbau stammende Überschlagtechnik an. Der Schritt vom Objekt zur Figur war dann folgerichtig.(Jörg Wunderlich)

Christin Müller

Zoe Preece

Wenn wir in einer klaren Nacht zum Himmel aufblicken, sehen wir weiße Punkte auf einer dunklen Oberfläche. Was als Hintergrund wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit eine unendliche Leere. Das Gehen auf dem Mond hat die Vorstellung in den Köpfen der Menschen nicht verändert, dass die Sterne einfach auf eine riesige Leinwand gepinnt sind. Solche Umkehrungen der Tatsachen, oder besser gesagt ihre wahre Präsenz, stehen im Mittelpunkt der Keramikkünstlerin Zoe Preece. Eine Person mit heiterer Energie und der eleganten Haltung einer Tänzern. Ihr Haus in Cardiff, in dem sie lebt, ist jetzt leerer, seit ihre beiden Kinder daraus herausgewachsen sind.
“Material Presence”, die 2018 entstandene Arbeit, ist nun Teil der ständigen Sammlung des National Museum of Wales. Es wird bis April 2023 zusammen mit Gemälden von Paul Cézanne und Pablo Picasso ausgestellt.
Inmitten eines ansonsten leeren Raumes mit hohen Decken steht ein Holztisch von recht großen Ausmaßen. Die Oberfläche sieht aus, als wäre nach einer vorangegangenen Mahlzeit ein konservierender Schleier darüber gespannt worden. Mir fällt ein Bild vom “letzten Abendmahl” ein, bei dem die Besucherin der Ausstellung ihren Platz im ehrenwerten Komitee einnehmen darf. Beispielsweise wird schmutziges Geschirr als störend empfunden.

(Astrid Zwick)

Zoe Preece

Ben Fosker

Als ich Ben Fosker zum ersten Mal traf und seine Arbeit sah, fand ich es eine Herausforderung, die Persönlichkeit des Menschen mit seinen Kreationen in Einklang zu bringen. Also musste ich mich daran machen, meine ersten Eindrücke zu verstehen, zu definieren und zu entwirren. Ich fand ihn überschwänglich, gesellig und großartig. Er präsentiert sich als mutige, umgängliche Figur und strahlt ein Selbstvertrauen aus, das sich aus einer Mischung aus weltlichen Herausforderungen und Erfahrungen speiste, die er über viele Jahre gesammelt hat. Er wuchs in einem kleinen Küstendorf in Essex in Großbritannien in einer Umgebung auf, die er heute als “magisch” bezeichnet. Als Sohn eines Farmarbeiters war Geld in seiner Familie nicht im Überfluss vorhanden und ein früher Wunsch nach einer kreativen Ausbildung und dem Besuch einer Kunstschule wurde von seiner Mutter vereitelt, so dass er im Alter von 16 Jahren mit einem Küstenmotorschiff zur See fuhr und eine langjährige maritime Karriere verfolgte.
Mit 19 Jahren segelte er in einer kleinen Yacht über den Atlantik und seine Erfahrungen umfassten das Leben als buddhistischer Mönch auf einer abgelegenen schottischen Insel, eine Pilgerreise nach Indien und Tibet, Ausrüstung eines Schiffes, das in einem Polanski-Film zu sehen sein würde und mehr als einen Versuch, eine formale Ausbildung in einer Kunstschule zu absolvieren. Seine Auseinandersetzung mit einem Kunststudium wurde jedoch nie ein vollständiger Erfolg, da er von dem, was er als “pseudoakademische Herangehensweise an Kreativität” bezeichnet, desillusioniert wurde.

(Eddie Curtis)

Ben Fosker

Ana Cecilia Hillar

Die 52. Ausgabe der International Art Ceramics Competition begann am 19. Mai 2001. Der Faenza-Preis wurde Ana Cecilia Hillar mit der Begründung verliehen: “Diese Arbeit von starker emotionaler Wirkung zeigt die große Fähigkeit der Künstlerin, Vorstellungskraft und traditionelle lokale Techniken in zeitgenössischer Sprache zu kombinieren”. Die Betonung der “lokalen Techniken” durch die Jury gewinnt vor dem Hintergrund des damaligen kulturellen und politischen Kontexts besondere Bedeutung: Etwa zwei Monate später, am 20. Juli 2001, wurde ein junger Mann bei Demonstrationen im Zusammenhang mit der G8-Konferenz in Genua getötet und nur zwei Nächte später führte die tragische Episode in der Diaz-Schule dazu, dass über 63 Aktivisten im Krankenhaus landeten.
Die Spannungen waren damals hoch, so hoch, dass die nahe gelegene Albisola Biennale für Keramikkunst, die am 21. Juli 2001 eröffnet worden war, von Tiziana Casapietra, ihrer Gründerin und Kuratorin, so beschrieben wurde: “Während G8 haben wir die erste Ausgabe organisiert und wir nannten es die positive Seite der Globalisierung, denn während 40 km entfernt Tragisches stattfand, führten wir ein Projekt in die entgegengesetzte Richtung durch und brachten Menschen durch Kunst zusammen.”
Zwischen der Welt der Kunstkeramik, für die der Faenza-Preis zweifellos ein perfektes Beispiel war, und der zeitgenössischen Kunst lag eine große Distanz und es war Roberto Costantino, der schrieb: “Wir dachten, dass Ton für Künstler niemals imteressant sein würde, aber tatsächlich stellten wir fest, dass die Idee mit diesem alten Material zu experimentieren und mit lokalen Handwerkern zusammenzuarbeiten, nicht abschreckte, sondern ihre Aufmerksamkeit erregte.”

(Irene Biolchini)

Ana Cecilia Hillar

Frechener Keramikpreis 2022

Der Keramikpreis der Stiftung KERAMION wird seit 1972 als Wettbewerb und Nachwuchsförderpreis vergeben. Er richtet sich an junge Künstlerinnen und Künstler, die nicht vor 1987 geboren sind und ihre keramische Tätigkeit in Deutschland ausüben. Bewerbungen aus der keramischen Kunst waren zu Gefäß, Plastik, Relief oder Bild, zu serieller oder architekturbezogener Keramik sowie zu Installationen möglich. Drei Preise zu je 2.500 Euro wurden am 20. Oktober 2022 anlässlich des 50-jährigen Bestehens feierlich überreicht. Gesponsert wurden diese von der Kultur- und Umweltstiftung der Kreissparkasse Köln und der RheinEnergie AG, der Stadt Frechen. Zusätzlich wurde ein Sonderpreis mit 2.000 Euro von Regine und Heiko Hünemeyer vergeben.
Aufgebaut auf 2 Ebenen zeigen 17 Finalisten hochinteressante, differierende, zeitaktuelle Interpretation künstlerischer Nutzung des Materials TON. Bewerbungen kamen von den unterschiedlichsten Ausbildungsinstituten, mit unterschiedlichsten Eckpunkten in Vita und Lebensweg aus der Generation der Jüngeren in der Keramik. Allen eigen ist die Intensität ihrer persönlichen Arbeitsweise unter der Prämisse, dass Ästhetik und Aussage, Kenntnisse und Professionalität (immer noch) Eckpunkte sind, die Wahrnehmung, Wertschätzung und Anerkennung in der Betrachtung wecken. So wird eine Jury zum Moment der Analyse von Zeit, Existenz, Wandel, Konditionen – der künstlerischen Übersetzung der gezeigten Puzzelteile, die letztlich eine lesbare, persönliche Sprache in der Kunst ausmachen.

“Geflüster” – Nora Arrieta

18. Internationale Keramik Biennale Carouge 2022

Im Jahr 2022 hatte der INTERNATIONALE KERAMIK WETTBEWERB in CAROUGE den schönen Titel: Bling-Bling – wie immer eine exquisite Präsentation. Seit 1987 schreibt die Stadt Carouge diese Biennale aus, 2022 um ein Jahr versetzt, jetzt zeitlich passend zum 50. Congress der AIC/IAC (International Academy of Ceramics) und dem Parcours Céramique Carougeois. Beide Veranstaltungen hatten das Thema unter dem Aspekt “Alchemie” gewählt. Bling-Bling als Begriff geht zurück auf den Rap, die Musik der 1990 Jahre. Mit Stolz getragene Goldketten und Kettchen waren derzeit zu sehen als Referenzen, die Emanzipation und Originalität demonstrierten, später dann eher als offensive Darstellungen von übertriebenem Ego, von Machtposition und blanker finanzieller Überlegenheit.
Keramik und Alchemie waren immer nah beieinander, technisch wie metaphorisch: die Materie in Gold zu verwandeln, das Feuer als läuternde Kraft – “am Golde hängt – zum Golde drängt …” (Goethe, Faust I)- der Phantasie der Teilneh-menden waren keine Grenzen gesetzt, Tore bewusst weit offen für Glanz und Glitter jeglicher Art, für Keramisches in Humoreske, Zitaten und auch in kritischer Darstellung.

(Monika Gass)

Ganangsta Shit. Beg For Mercy! 
Stephanie M. Roos (DE)

AIC / IAC Kongress 2022

Den 70. Jahrestag und den 50. Kongress zelebrierte die Akademie vom 12. Bis 16. September 2022 in der Zentrale in Genf, der französisch orientierten Schweiz, der Wiege der Organisation. Nach Taiwan war das der erste AIC echte Begegnungstermin für Viele. Der letzte Kongress in Lettland, in Posio vor 2 Jahren, war wegen Covid19 zwangsläufig ein Online Kongress und als solcher – trotz gut besuchter Chatrooms – eher unpersönlich via ZOOM. Zentrales Motto 2022 war “Melting Pot: From the alchemist’s crucible to the cultural crucible” – Sinnbild auch der internationalen Dimension einer Stadt wie Genf, in der unterschiedlichste kulturelle und politische Einflüsse verschmelzen. Vertreten waren 374 Teilnehmende aus 42 Ländern, 332 in persona, 42 per Aufzeichnung.
Der Kongress 2022 wurde von swissceramics getragen – eine nicht einfache Aufgabe, für die allseits ein großes Dankeschön zu sagen ist! Mehr als 30 Ausstellungen in nationalen und privaten Museen, Kunstgalerien und historischen oder zeitgenössischen Institutionen waren Teil der Veranstaltung. Herausragend die 2 Präsentationen in Nyon und Neuchâtel! Werke der AIC Mitgliedschaft waren im Ariana Museum ausgestellt, während die neu aufgenommenen Künstlerinnen und Künstler mit ihren Arbeiten nur in einer virtuellen Darstellung präsent waren.

(Monika Gass)

Die “Deutschsprachigen” vor dem UN Gebäude

Künstlerjournal

Pattie Beerens   (Australien)
Obwohl wir auf dem Boden stehen, die Luft atmen und von Wasser und Nahrung leben, die von der Erde geliefert werden, befinden wir uns dennoch in einem technologischen Zeitalter des schnellen Austauschs virtueller Werte. Pattie Beerens (geboren 1962) konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Mensch und Erde und zwischenmenschlicher Interaktionen. Sie sammelte Ton und kombinierte ihn mit Baumwollfäden und anderen Naturmaterialien, kolorierte die Werke mit den Farben von Pflanzen- und Lebensmittelfarben, die sich im Laufe der Zeit veränderten, ohne jegliche Glasur.

Yasunaga  Masaomi   (Japan)
lebt und arbeitet in Iga-Shi, Präfektur Mie, Japan. Yasunaga Masaomi (geb. 1982). Er ist Absolvent der Fakultät für Umweltdesign der Osaka Sangyo University und studierte Keramik bei dem japanischen Keramiker Hoshino Satoru.
Yasunaga arbeitet mit einer Kombination aus Feldspat, Kalk und anderen Materialien und untersucht die Auswirkungen der Verwendung natürlicher Materialien. Aufgrund der Glasur, die er als Hauptmaterial verwendete, schmolzen und brachen seine Werke während des Brennvorgangs zusammen. Er setzte daraufhin andere Materialien ein, um ihre Formen zu stabilisieren. 

(Ting-Ju SHAO)

Pattie Beerens (Australien)

Yasunaga  Masaomi (Japan)

Werkstattgespräch mit Melanie Ferguson

Melanie, würdest Du uns etwas über Deine bemerkenswerte Biografie erzählen und wie Du dazu kamst, mit Ton zu arbeiten?

An der Küste von Oregon, wo ich aufgewachsen bin, war der Strand immer ein zentrales Thema für mich. Eines Tages begegnete ich einer Strandspaziergängerin, die eine bekannte Keramikerin war und später meine Freundin werden sollte. Sie lud mich ein, ihr beim Töpfern über die Schulter zu schauen und ihren Geschichten zu lauschen. Sie machte beim Erklären Analogien wie: “den Ton wie eine Krabbe einklemmen” oder “schneide den Ton so, wie der Schwanz eines Walfisches das Wasser durchschneidet”, während sie ihren Körper im Rhythmus der Geschichten bewegte. Während dieser Zeit galt meine Leidenschaft der Kartenillustration. So begann ich, meinen Federzeichnungen den in Strandnähe ausgegrabenen Ton beizufügen, um ihnen eine der Strandtopografie nachempfundene dritte Dimension beizufügen.

(Evelyne Schoenmann)

Melanie Ferguson

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