Neue Keramik 6/2021

Aktuelle Ausgabe – Neue Keramik 1/2022

Im PORTRAIT: 8 Keramikkünstlerinnen und -künstler aus Belgien, Deutschland, Großbritannien, Italien. Wir berichten über AUSSTELLUNGEN und VERANSTALTUNGEN aus Niederlande, Griechenland, Dänemark, Italien, Frankreich, Belgien, Rumänien, Australien, Deutschland, USA. Im KÜNSTLER-JOURNAL stellen wir Alessandro Gallo und Wookjae Maeng
Darüber hinaus Werkstattgespräche, Termine, Kurse, Seminare, Märkte.

Inhalt

DIE NEWS

PORTRAITS

Guy van Leemput – Belgien
Dora Varkonyi – Deutschland
Lowri Davies – Großbritannien
Sophie Ronse – Belgien
Fiorenza Pancino – Italien
Lena Biesalski – Deutschland

FORUM

Kintsugi – Evelyne Schoenmann – Technische Tradition

AUSSTELLUNGEN / VERANSTALTUNGEN
Liebe Leiden Lust – Tegelen – Niederlande
Aktuelle griechische Keramik –  Kalabaka – Griechenland
Maria Geszler-Garzuly – Heidelberg – Deutschland
A Fairy Tale in Clay – Middelfart – Dänemark
Neapolitanische Krippenspiele  Neapel – Italien
Saint Sulpice Ceramique  Paris – Frankreich
Das ganze Universum in einer Schale  Ghent – Belgien
Galateea Contemporary Art Gallery – Bukarest – Rumänien
Study Group – Sydney – Australien

BÜCHERSEITEN

KÜNSTLER-JOURNAL

Alessandro Gallo (Italien) und  Wookjae Maeng (Korea) / Ting-Ju Shao

WERKSTATTGESPRÄCHE

Jürg C. Bächtold – Evelyne Schoenmann – Interview / Technik

TERMINE / Ausstellungen / Galerien / Museen
Ausstellungskalender    International

KURSE / SEMINARE / MÄRKTE
ANZEIGEN
VORSCHAU / IMPRESSUM

Leseproben

Lowri Davies

Das Geschirr von Lowri ist eine eigene kleine Welt, die sich da auf dem Tisch ausbreitet. Wie sie selbst, ist alles von einer durchscheinenden Zerbrechlichkeit, von aussergewöhnlicher Perfektion und es ist fast nicht zu glauben, dass ein einziges Paar menschlicher Hände solche Meisterwerke zustande bringen können.
Lowri lebt in Wales, einem heute noch zu einem grossen Teil aus wilden Naturreservaten bestehenden Land, wie eine Halbinsel vom Atlantik bestürmt. Wo niedrig wachsendes Gebüsch das Betreten verunmöglicht, und wo sich eine Sprache über mehr als dreitausend Jahren erhalten hat. Bekannt ist uns der dort herrschende Umgang mit Keramik, der grossen Kunst der Eingeweihten, vom Festival Aberystwyth.
Aufgewachsen ist sie mit dieser klaren Stimme, um sie herum weht ein frischer Wind.
Während unserer Unterhaltung ist das Englische für uns beide fremd, und es tut mir leid, ihre zauberige Brythonische Sprache nicht zu verstehen, diese alten keltischen Worte, wie man in Cardiff spricht. Interessanter Weise kommt das Wort «Britain», also Britannien, aus ebendieser Sprache. 

(Astrid Michel-Zwick)

Lowri Davies

Sophie Ronse

Eine Keramikerin zu sein bedeutet, dass diejenige, die diesen Zweig der bildenden Kunst betreibt, den Status einer Demiurgin beansprucht. Muss sie nicht, um eine Kreation zu vollenden, die vier Elemente so gut wie möglich beherrschen? Erde, Wasser, Luft und Feuer vereinen sich, um ein Objekt zu schaffen, das aus ihrer rätselhaften Alchemie entsteht. Da diese Produktion die Fähigkeit hat, entweder von alltäglichem Nutzen zu sein, dem sich der Handwerker widmet, oder dem Material Form zu geben, um eine Vision der Existenz und des Universums zu bezeugen.
Der Werdegang von Sophie Ronse ist recht ungewöhnlich. In der Tat hätte man sich nach den monumentalen Plastiken ihrer Anfänge kaum vorstellen können, dass sie sich nun auf intimistische Werke konzentrieren würde. Aber diese ersten Konstruktionen, Abstraktionen ohne strenge Geometrie, also fast ohne strenge Winkel, mit Ausnahme von “Nihil”, hatten in ihrer Ton-DNA bereits die Kurven, die die Grundlage ihrer heutigen Ästhetik bilden.
Die gebogene Linie ist schlechthin das, was sich bewegt, sich einfügt, umschmeichelt, überall durchdringt, ohne auf die radikale Gewalt der geraden Linie zurückzugreifen. Wir verbinden sie mit der Weiblichkeit, mit der Fähigkeit zur Gelassenheit dessen, was Winkel abrundet, mit der stagnierenden Dynamik hin zur Unbeweglichkeit und vor allem mit der Abwesenheit von Mobilität. Sie ist ein Zeichen der Genese.

(Michel Voiturier)

Sophie Ronse

Fiorenza Pancino

Fiorenza Pancino ist eine und gleichzeitig viele Personen. Wie vielleicht wir alle. Sobald man mit ihr spricht oder ihr Atelier betritt, wird sofort ihre Pluralität deutlich. Ihre Identität kann in Bezug auf das definiert werden, was sie nicht ist: nicht mehr Veneta (aber sie wird zumindest teilweise für immer Veneta sein); nicht für immer aus Faenza gebürtig (aber sie hat starke Bindungen zu dieser kleinen Stadt), keine Keramikerin (denn die Beschränkung ihrer Arbeit auf ein Material ist für sie eine Todsünde); nicht nur eine zeitgenössische Künstlerin (in diese Schublade läßt sie sich nicht stecken). Als wir anfingen über diesen Artikel zu sprechen, tauchte bald eine provokante Idee auf: Vielleicht könnten wir ihn nicht subtraktiv, sondern kumulativ behandeln? In diesem Fall wäre es nicht mehr notwendig, ein starr definiertes “Ich” zu haben, sondern vielmehr am “Wir” zu arbeiten, an einer Vielzahl, die sich auf all jene Präferenzen bezieht, die sie nicht definieren, aber die Fragmente umfassen, die kollektiv vorhanden sind. Eine singuläre Stimme aufzugeben, um die Idee des “Wir” zu übernehmen. Eine Ausdrucksweise des “Wir”, wie sie zum Beispiel auch in Romanen von Annie Ernaux vorkommt. Diese Schriftstellerin sagte dazu:

Schreiben ist für mich in erster Linie eine Existenzweise – wenn ich nicht schreibe, fühle ich mich nutzlos und leer. Es ist auch eine Möglichkeit, in die Welt einzugreifen, Dinge zu offenbaren, die ich auffallend finde, aber jedem hätten auffallen können. Es ist zunehmend auch ein Kampf gegen das Vergessen, das der Geschichte und unseres kollektiven Lebens, in einem Zeitalter, das mir als ein Zeitalter der Vergänglichkeit und der Emotionen ohne Erinnerung erscheint.1

Irene Biolchini

Fiorenza Pancino

Lena Biesalski

Die Keramikerin Lena Biesalski nutzt das Gefäß zugleich als Bildfläche und Raumkörper: spielerisch umrunden sich Zeichnungen und Worte, die Versatzstücke einer Geschichte liefern. Im geschlossenen Kreis des Gefäßes finden beide, Text und Bild, stets zusammen.
Als Bausteine fließen Erinnerungen und aktuelle Ereignisse ein, aber auch Zitate und Auszüge aus Gedichten – „alles, was einem im Alltag begegnet“, wie Lena Biesalski sagt. Manchmal gibt das gefundene Zitat Anstoß für die Zeichnung, manchmal ist es genau anders herum. Die Farbigkeit greift den poetischen Charakter der Arbeiten auf: reduziert und meist in Pastelltönen gehalten, verleiht sie den Gefäßen etwas Traumhaftes und zugleich Vergängliches. Kreidige Flächen aus Weiß-, Grau- und Blautönen bilden die Leinwand für skizzenhaft eingeritzte Motive.
Dieses Ausschnitthafte wirft Fragen auf und lässt den Betrachtenden viel Raum für eigene Gedanken, Assoziationen und Fantasien. Was war davor? Wie geht es weiter? „Wir alle sind Fragmente“, liest man auf einer ovalen Vase, deren blaue Bemalung langsam von der Oberfläche des Gefäßes zu tropfen scheint.

(Stephanie Stroh)

Lena Biesalski

KINTSUGI – Schönheit neu verstehen

Schauen wir um uns, so ist nicht zu übersehen: wir leben, wie die Popdiva Madonna einst so unverblümt sang, «in a material world». Es wird gekauft, benutzt und entsorgt, als ob es kein morgen gäbe. Und doch gibt es Menschen, denen zum Beispiel ein zerbrochenes Keramikstück viel bedeutet. Auch wir Menschen bekommen im Verlauf unseres Lebens Narben. Einige trachten dies zu verbergen, zu übertünchen oder gar wegzuoperieren. Andere wiederum haben kein Problem damit zu zeigen, dass sie eine Geschichte zu erzählen haben.
Vor Jahren bin ich auf die Japanische Tradition des Kintsugi, oder seltener Kintsukuroi, aufmerksam geworden: filigrane Goldlandschaften auf einst zerbrochener Keramik. Diese wird mit der Kintsugi Technik restauriert, um sie wiederzuverwenden oder als Schönheit zu präsentieren, ohne dabei ihre Vergangenheit zu verbergen. Im Gegenteil: die behobenen Sprünge und Bruchlinien (keshiki genannt) werden im letzten Schritt dieser Technik, dem Auftragen von Gold, gar hervorgehoben. Vielleicht empfinden Sie es eigenartig, dass gerade die Japanische Gesellschaft, welche wir als perfektionistisch kennen, führend in präzisen Techniken wie Elektronik, Automobilbau und Feinoptik, sich auf der anderen Seite sehr einsetzt, um das Alte, das Zerbrochene und vielfach Gebrauchte als neue Schönheit zu bewahren. Ein zerbrochenes oder abgeplatztes Gefäß zu restaurieren, anstatt wegzuwerfen, hat viel mit Philosophie zu tun. 

(Evelyne Schoenmann)

Mike Martino: Izumiyama Teeschale mit Gold Ausbesserung (Ausschnitt) Foto – Mike Martino

“Liebe Leiden Lust”- Passion in Keramik 

Keramikzentrum Tiendschuur Tegelen
Im Keramikzentrum Tiendschuur Tegelen ist eine neue und spannende Ausstellung zu sehen. Diese Ausstellung entspricht einem Bedürfnis das viele seit Corona haben, dem Hunger nach Haut, Kuscheln, Körperkontakt. Es gehört schon etwas Mut dazu, sich das anzuschauen.Beim Besuch der Ausstellung müssen die aktuellen Hygienevorschriften  eingehalten werden, die zum aktuellen Zeitpunkt in den Niederlanden gelten.  Zu sehen bis einschließlich 16. Januar 2022.
Die neue Ausstellung in der Tiendschuur zeigt Passion von allen Seiten. Schmerz, Wut, Angst, Unsicherheit, Hoffnung, Träume, Verlangen, Liebe, Leiden und Lust. Beziehungsweise: Kummer und Sorge in Keramik. Spannende Skulpturen mit noch spannenderen Geschichten. Von der Passionsgeschichte über die antike Mythologie bis hin zu 50 Shades of Grey. Diese Ausstellung beschert dem Besucher Gänsehaut, krumme Zehen, Schamesröte, ein Lächeln und eine Träne. Die Keramikskulpturen in dieser Ausstellung stammen von Künstlerinnen und Künstlern aus dem In- und Ausland. Trotz ihrer unterschiedlichen Ursprünge und Hintergründe sind sie in ihrem Ziel vereint, unsere universellen Emotionen plastisch festzuhalten. 

Elsa Alayse, Trêve n°81.i, 41 x 40,5 x 5 cm

Künstlerjournal
Alessandro Gallo und Wookjae Maeng

Alessandro Gallo   (Italien)
Alessandros (1974) Hybridskulpturen von Mensch und Tier sind erfüllt von der Spannung des Ausdrucks, der die Neugier und Vorstellungskraft des Betrachters weckt. Die männlichen oder weiblichen Körper, einschließlich der Gruppen verschiedener Tierarten, enthüllen auf subtile Weise die primitive Seite der menschlichen Psyche. Wie ein sozialer Beobachter hat Alessandro ein scharfes Auge für die Phänomene der modernen Gesellschaft.

Wookjae Maeng  (Korea)
Maengs (1976) Tiere agieren als Repräsentanten des Menschen im Theater der Gesellschaft.
Diese lebendig und raffiniert gestalteten weißen Tierfiguren sind die Protagonisten in jener Szene, die menschliche Ideen und Werte widerspiegelt und menschliche Verhaltensweisen und Gedanken metaphorisieren und veranschaulichen können. Man kann untersuchen welche unbestimmten Konsequenzen die genetischen Hybriden, die aus der zeitgenössischen Zivilisation und Technologie hervorgegangen sind, für die zukünftige Welt bringen können. 

(Ting-Ju SHAO)

Alessandro Gallo (Italien)

Wookjae Maeng (Korea)

Werkstattgespräch mit Jürg C. Bächtold

Jürg, wie bei allen meinen Gästen, möchte ich auch bei Dir mit Deinem background beginnen. Wusstest Du schon als Jugendlicher, dass Du Keramiker werden willst, oder kam das später? 

Ja, das kam viel später, obwohl ich in jungen Jahren viel gezeichnet und gemalt hatte. Auch die üblichen Daumenschälchen in der Schule durften natürlich nicht fehlen. Ich hatte eine Lehre als Maschinen Mechaniker absolviert und danach lange in der Flugzeugindustrie gearbeitet. Zur Keramik gekommen bin ich etwa vor 40 Jahren. Erst als Hobby, dann hatte es mich endgültig gepackt. In den ersten Jahren habe ich mir vieles selber beigebracht. Ich musste allerdings Lehrgeld zahlen, denn so manches ging schief. Ich denke aber, dass ich dadurch unersetzliche Erfahrungen machten konnte und sehr viel lernte. Meine erste Töpferscheibe hatte ich selbst gebaut, eine Kick-Töpferscheibe. Auch das Drehen hatte ich mir autodidaktisch beigebracht. Auch hatte ich nie einem Töpfer über die Schulter schauen können. Nichts desto trotz, irgendwann nach vielen Misserfolgen schaffte ich es dann doch, recht passables Geschirr zu drehen und auch zu verkaufen. Ich drehte etwa 10 Jahre lang Geschirr auf der Scheibe, entwickelte die Glasuren selbst und brannte schon damals in einem Gasofen. Mit den Jahren entschloss ich mich, mich nur noch dem Handaufbau und der Kunst zu widmen. In dieser Zeit besuchte ich Workshops und Kurse, um mir ein Grundwissen darüber anzueignen.

(Evelyne Schoenmann)

Jürg C. Bächtold

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