Im PORTRAIT: 8 Keramikkünstlerinnen und -künstler aus Schweiz, Deutschland,USA, Österreich, Tschechien. Wir berichten über AUSSTELLUNGEN und VERANSTALTUNGEN aus Deutschland, GB, USA, Rumänien, Finnland, Kamerun, Griechenland, Kuba, China, Frankreich, Algerien, Schweiz. Im KÜNSTLER-JOURNAL stellen wir Irén Tété – USA / Bulgarien. Darüber hinaus Werkstattgespräche, Termine, Kurse, Seminare, Märkte.
Inhalt
DIE NEWS
PORTRAITS Rita de Nigris – Schweiz
Heidrun Bastian – Deutschland
Barbara Lienhard – Schweiz
Robert King – USA
Bianca Tschaikner – Österreich
David Metaxas -Tschechien / Isle of Man
Schweiz, Deutschland,USA, Österreich, Tschechien
AUSSTELLUNGEN / VERANSTALTUNGEN Keramikmarkt – Höhr-Grenzhausen – Deutschland
Farbenfrohe Lebenslust – Höhr-Grenzhausen – Deutschland
Refigured – London – GB
26. Competition and Symposium – San Angelo – USA
Gloria Grati – Bukarest – Rumänien
Diagonale11 – Posio – Finnland
König von Bamoun Teil 1 – Bamoun – Kamerun
Biennale Zeitg. Keramik – Rhodos – Griechenland
Elena Arosio – Oldenburg – Deutschland
Fernando Velázquez Vigil – Havana – Kuba
Wiege der Cizhou Keramik – Pengcheng – China
Ceramics Generation – Limoges – Frankreich
Sahara Clay Project – Tindouf – Algerien
AIC/IAC Konferenz – Jingdezhen – China
Le Fornaci – Riva San Vitale – Schweiz
TERMINE / Ausstellungen / Galerien / Museen
Ausstellungskalender International
KURSE / SEMINARE / MÄRKTE ANZEIGEN VORSCHAU / IMPRESSUM
Leseproben
Rita De Nigris
LET’S PARADISE
Wo die Firma COSMOS in Biel einst Fahrräder für die traditionsreiche Fahrrad-Truppe des Schweizer Militärs herstellte und in Friedenszeiten auf fahrbares Spitalmobiliar umstieg, dort im UG befindet sich seit 2015 die Werkstatt von Rita De Nigris. Solche Orte der Transformation üben auf sie eine besondere Faszination aus. Tür an Tür mit dem Verein Officina Helvetica, Werkstatt für Satz, Druck, Lithografie, Kunst und Grafik, wo historische Maschinen und Geräte aus Bieler Druckwerkstätten Menschen zusammen bringen, die sich für das einstige Satz-, Druck- und Lithografie-Handwerk begeistern können, da fühlt sich die Künstlerin wohl. Ihre Wortarbeiten weisen den Weg in ihr Atelier: ovale, dicht blau-weiß dekorierte Servierplatten mit Schlagworten wie LOVE, CARE, ACT, RUN, EXIT, ODEM, LOST PARADISE, Abdrücke großer Holzlettern aus dem Fundus der benachbarten Druckwerkstatt. Sie spiegeln den Kosmos der Künstlerin zwischen Weltschmerz und Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, zwischen Leben, Liebe und Tod wider.
(Maria Schüly)
Rita De Nigris
Heidrun Bastian
Mitten im Grünen steht das Atelier von Heidrun Bastian. In einem eingemeindeten Dorf von Cottbus hat sie sich einen Platz zum Arbeiten geschaffen. Ein Fließ, so heißen die naturbelassenen Wasserläufe, denen der Spreewald seinen besonderen Charakter verdankt, rahmt das Grundstück. Diese Umgebung ist für Heidrun Bastian Inspiration und Energiequelle zugleich. Ihren Objekten ist das Sorbische eingeschrieben, die alte Sprache und Kultur der Westslawen, die sich dort über Jahrhunderte erhalten hat. Ihre Großmutter hat noch sorbisch gesprochen, sie selbst hat es nie gelernt. Aus der Tiefe der Gefäßhaut kommen die Texte zutage, Schicht für Schicht. Was früher kaum Thema war: Heute setzt sie sich mit dieser einzigartigen Kultur auseinander und schöpft aus ihr wichtige Impulse. „Vergangene Schrift“ oder „Schriftfragmente“ sind Titel von gebauten Objekten, die durch die in Siebdruck aufgebrachten Handschriften für das Individuelle stehen, für das Einzigartige des geschriebenen Wortes – seine Schönheit und Fragilität. Heidrun Bastian greift das Einmalige ihrer Heimat auf, um es ins Hier und Jetzt zu transformieren.
Die Keramikerin baut ihre Objekte aus Tonplatten. Ihr Formenvokabular wird oft von organischen Vorbildern angeregt, ist aber nie Abbild. Die Plastik geht eigene Wege, verlässt die Symmetrie, um einen individuellen Schwung zu finden. „Ich arbeite von innen nach außen. Mich interessiert, ob ich die runde Form aufbrechen kann und was dabei herauskommt“, so Heidrun Bastian.
(Doris Weilandt)
Heidrun Bastian
Barbara Lienhard
Die Keramikerin Barbara Lienhard produziert in ihrem historischen Bauernhaus in Oberglatt bei Zürich Gefäße, geprägt von selbstentwickelten Glasuren, Salz, Asche und der Unberechenbarkeit des Holzbrandes. Ein Gespräch über die Magie unterschiedlicher Materialien und Techniken, das konstante Lernen und die Rolle anderer Kreativer im eigenen Schaffensprozess.
Du bist in einer Künstlerfamilie aufgewachsen. Wie hat Dich das geprägt?
Meine Mutter war Kunstmalerin, mein Vater Texter und Kabarettist. Kreativität war in unserem Haus Alltag. Der Umgang mit Materialien, Formen und Farben und der persönliche Ausdruck waren für mich von klein auf selbstverständlich. Das hat meinen Blick auf Ästhetik und Qualität nachhaltig geprägt.
Und doch wurdest Du nicht sofort Keramikerin. Warum?
In meinen jungen Jahren hieß es: «Lerne zuerst etwas, mit dem du Geld verdienen kannst. Danach kannst du immer noch kreativ sein.» Also machte ich einen Umweg, bis ich den Beruf ausüben konnte, den ich heute mache.
(Julia Heim)
Barbara Lienhard
Bianca Tschaikner
Das Hindukusch-Notizbuch: Reise in ein verbotenes Land
Von der geheimen, aufsässigen Dichtung der Frauen im Hindukusch hörte ich zum ersten Mal 2019 in Lahore, Pakistan.
Ich war als Artist in Residence an der Lahore University for Arts eingeladen und wohnte bei Professorin Sajida Vandal in Lahore.
Professorin Vandal war eine beeindruckende Persönlichkeit: Sie war nicht nur Mitbegründerin der Universität, sondern besaß als Architektin, Pädagogin und Expertin für Kulturerbe ein enormes Wissen, dass sie gerne mit mir teilte. Außerdem hatte sie einen ausgesprochenen Sinn für Humor und fürs Subversive und erzählte mir abends am Küchentisch gerne Geschichten und Anekdoten. Und eines Abends erzählte sie mir von der geheimen, aufsässigen Dichtung in der Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan. Ich war fasziniert – und ich wusste sofort, dass ich dort hinreisen musste: Wir begannen, einen Plan zu schmieden.
Dann kam die Pandemie, und wir mussten noch drei Jahre auf unsere Erkundungsreise warten, aber im Frühling 2022 war es dann so weit: Ich reiste gemeinsam mit meiner österreichischen, in Pakistan lebenden Künstlerkollegin Ursula Kiesling und Sajida Vandal in den Hindukusch, nach Chitral, ein abgelegenes Tal, das bis 1969 ein eigenes Königreich und bis vor wenigen Jahren nur auf beschwerlichen Wegen über hohe Bergpässe erreichbar war.
Bianca Tschaikner
Einladungsschreiben vom König von Bamoun – Teil 1
Am 29. September 2025 erhielt ich ein Einladungsschreiben vom Sultan und König von Bamoun. In dem Brief bekundete der König seinen Wunsch, gute Beziehungen zwischen dem Museum und unserer Organisation, der International Academy of Ceramics (IAC), aufzubauen. Bereits Ende April 2025 war ich eingeladen worden, am ARTMIABO International Arts Festival in Lagos, Nigeria, teilzunehmen. Westafrika verfügt über ein reiches kulturelles Erbe; allein auf dem Gebiet des heutigen Nigeria entwickelten sich in der Vergangenheit mehrere hoch entwickelte afrikanische Zivilisationen. Ein Beispiel von vielen ist die Nok-Kultur (1500 v. Chr. – 500 n. Chr.), die für ihre zahlreichen Terrakottaskulpturen bekannt ist.
Das Königreich Benin entstand etwa im 11. Jahrhundert n. Chr. Seine vielfältigen Skulpturen – darunter Arbeiten aus Bronze, Elfenbein und Holz – gelten als überaus beeindruckend. Besonders hervorzuheben sind die zahlreichen im Wachsausschmelzverfahren gegossenen Bronzeobjekte; einige davon verherrlichen den König, andere dokumentieren das höfische Leben und die Zeremonien in Benin. Im 14. Jahrhundert zählte das Königreich Ife (ca. 1200-1420) zu den größten städtischen Zentren Westafrikas. Es ist bekannt für die sogenannten „Ife-Köpfe“: lebensgroße, naturalistisch gestaltete Köpfe aus Keramik, Stein und Metall, die bei ihrer Entdeckung international für Aufsehen sorgten.
(Guangzhen Zhou)
Plastiken im Nok-Stil
Visionary Landscapes
Keramiken von Elena Arosio
Ausstellung noch bis zum 6. September 2026 im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg
Damm 1, 26135 Oldenburg, www.landesmuseum-ol.de
Elena Arosio ist Italienerin – aus Sand in Taufers in Südtirol. Sie begann ihre Keramikausbildung in Monza, an der „Experimental Art School“, erhielt den Bachelor an der “Kunst Akademie Brera” in Mailand und startete mit Fortbildungen an der Keramikschule in Montelupo/Florenz, Aufenthalte und Mitarbeit in renommierten Keramikstudios. Residenzen in Italien und China kamen jüngst dazu. Die ganz eigene Handschrift der Künstlerin zeigt klar ihren so professionellen wie inspirierten Umgang mit Materialien und Feuer in der stetigen Weiterentwicklung ihrer visuell und haptisch sensiblen, vielschichtigen „Visionen“.
Jede ihrer Kugelvasen, ihrer Moon Jars, der auf der Drehscheibe gefertigten Kummen, trägt eine malerisch detaillierte und gleichzeitig fast haptische Zeichnung des Feuers, das im Kapselbrand – in rauchigem und nicht leicht zu kontrollierendem feurigen Ambiente – Spuren hinterlässt. Zarte und kraftvolle, braune, lackschwarze, goldglänzende und klarweiße Zonen schaffen zeitlose Landschaften. Raum für Phantasie.
Die dreidimensionalen Flächen der Keramiken werden aquarellartig zart gefärbte Horizonte oder zeigen dezidiert Strukturen als kraftvolle Zeichen. Elena Arosio schafft Weite für Interpretationen. Ihre keramisch ausgefeilten Prozesse lassen uns vergessen Technik zu analysieren: Sie lassen uns schauen!
(Monika Gass)
Ausstellungseröffnung im Schloss Oldenburg
Landesmuseum für Kunst & Kultur
INHERITANCE and INNOVATION
AIC / IAC KONGRESS, JINGDEZHEN
Rund 500 Mitglieder der AIC/IAC sowie Nichtmitglieder nahmen an diesem spannenden Kongress teil und genossen ein vielfältiges Programm mit Vorträgen und Präsentationen über Keramik aus aller Welt! Mit diesem 52. Kongress und der Generalversammlung der Internationalen Akademie für Keramik (AIC/IAC) in dieser berühmten historischen Stadt feierte die internationale Keramik-Community ihre weltweite Vernetzung.
Das Themenspektrum reichte von Kunst und Kunsthandwerk über Kuratieren und Publizieren bis hin zu technischen und ökologischen Aspekten – von Tradition bis Zukunft, von der Herstellung bis zum Brand, vom Experiment bis zur handwerklichen Finesse – kurz: all die wunderbaren Facetten des „Machens“. Das Kongressthema „Tradition und Innovation“ beleuchtete den Dialog zwischen diesen beiden Polen in der Keramik und berücksichtigte dabei deren kulturelle, wirtschaftliche und technologische Bedeutung in der heutigen Zeit.
Jingdezhen, bekannt für seine 2.000-jährige Geschichte der Keramikherstellung – darunter mehr als 1.000 Jahre kaiserliche Ofenproduktion -, verkörpert die Essenz des chinesischen Keramikerbes. Das Programm umfasste Podiumsdiskussionen mit internationalen Experten aber auch kulturelle Rundgänge zu verschiedenen Museen und historischen Stätten in Jingdezhen.
(Monika Gass)
Lauren Mabrey, USA Glaze Flow Cylinder No. 2
Künstlerjournal
Irén Tété USA / Bulgarien
EMERGING ARTIST, NCECA 2026, Detroit
„Meine Keramikskulpturen verbinden das Beständige mit
dem Vergänglichen“
Die „Emerging Artists Präsentation“ im Rahmen der NCECA-Konferenz zählt zu deren spannendsten Veranstaltungen: 2026 sah ich in Detroit Irén Tétés Arbeiten – auf Sockeln und an den Wänden ihres Messestands – aber auch ihre Präsentation. Sie hat mich tief beeindruckt.
Irén Tété, 1990 in Sofia (Bulgarien) geboren und heute in San Diego (Kalifornien) ansässig, ist eine Bildhauerin, deren künstlerisches Schaffen die Bereiche Keramik, Architektur und Sprache miteinander verknüpft. Sie beschreibt ihre Arbeit als eine Verschmelzung „einer industriell-infrastrukturellen und menschlich-organischen Formensprachen“, mit der sie Grenzen von Glauben, Struktur, Sprache und Zugehörigkeit hinterfragt. Als Frau und Einwanderin, die während des Zusammenbruchs des Kommunismus in Bulgarien geboren wurde, sind ihre Erfahrungen von der Spannung zwischen persönlicher Geschichte und kollektivem Gedächtnis geprägt. Von 2009 bis 2013 absolvierte sie ihren Bachelor of Science (BS) in Kinesiologie und Gesundheitswissenschaften mit Nebenfach Kunst am College of William & Mary in Williamsburg (Virginia). Von 2016 bis 2019 folgte der Master of Fine Arts an der University of Nebraska-Lincoln in Lincoln (Nebraska).
(Monika Gass)
Irén Tété
Werkstattgespräch mit Claudia Biehne
Claudia, ich beginne meine Interviews gerne mit der Frage nach der Ausbildung. Was sind die Anfänge Deines Daseins als Keramikerin?
Ich habe mich schon sehr früh für Keramik interessiert.
Nachdem ich während der Schulzeit klassische Töpferkurse besuchte, entdeckte ich in der Neuen Keramik eine Anzeige einer Frau aus Luxemburg [Marylene Schmit], die ein Au-pair-Mädchen suchte, das gleichzeitig die keramische Werkstatt bei ihr nutzen möchte. Ich bin hingefahren und es hat sofort gefunkt.
Während ich dort ein Jahr lang verbrachte, hatte ich gleichzeitig die Möglichkeit, an der Ecole des Beaux-Arts Kurse zu belegen. Ich dachte dabei nicht vordergründig schon an einen Beruf, aber der Wunsch, etwas Kreatives zu machen, entstand.
Nachdem mich das dreidimensionale Arbeiten gepackt hatte, begann ich, zurück in Leipzig, eine Ausbildung als Scheibentöpferin. Die Fähigkeit drehen zu können, war dann wiederum eine gute Basis für mein Glas-Keramik-Studium an der Burg Giebichenstein in Halle/Sachsen-Anhalt. Hier konnte ich zudem asymmetrisch arbeiten und mein Bewusstsein in Fächern wie Farbe – Licht – Raum sowie interaktives Gestalten oder Naturstudien erweitern. Auch Glas war ein Thema. Ich beendete meinen Aufenthalt in Halle mit einem zweijährigen Zusatzstudium und bezog mein Atelier auf dem damals noch in Aufbau befindlichen Kunstareal der Leipziger Baumwollspinnerei.
(Evelyne Schoenmann)
Claudia Biehne
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