Neue Keramik 4/2024

Aktuelle Ausgabe – Neue Keramik 4/2024

Im PORTRAIT: 5 Keramikkünstlerinnen und -künstler aus Korea, Niederlande / Slowenien, Belgien, China, Schweiz, Deutschland. Wir berichten über AUSSTELLUNGEN und VERANSTALTUNGEN aus Indien, China, Frankreich, Frankreich / Belgien, Deutschland, USA, Bukarest, Horezu, Belgrad, Ljubljana, Sarajevo . Im KÜNSTLER-JOURNAL stellen wir Jing Huang und Kim Simonsson. Darüber hinaus Werkstattgespräche, Termine, Kurse, Seminare, Märkte.

Inhalt

DIE NEWS

PORTRAITS
Huh, Sang Wook – Korea
Ruth Korthof – Niederlande / Slowenien
Fabienne Withofs – Belgien
Haoyu Wu – China
Claudia von Boch – Schweiz
Gabriele Nocker – Deutschland

AUSSTELLUNGEN / VERANSTALTUNGEN
Indische Triennale – Neu-Delhi – Indien
Baoku Jiangxin Art Center – Shanghai – China
2. Biennale Mirabilia – Lyon – Frankreich
Sophie Ronse – Saint-Jans-Cappel – Frankreich / Belgien
Laurent Petit / Benoît Pouplard – Siegburg – Deutschland
NCECA – Richmond – USA
Keramiktage – Oldenburg – Deutschland
Balkan-Reise II – Bukarest, Horezu, Belgrad, Ljubljana, Sarajevo – Europa

BÜCHER
Neue Lektüre – International

KÜNSTLER-JOURNAL

Jing Huang (China) und Kim Simonsson(Finnland) – Ting-Ju Shao

WERKSTATTGESPRÄCHE

Carol Sinclair, UK Evelyne Schoenmann  – Interview / Technik

TERMINE / Ausstellungen / Galerien / Museen
Ausstellungskalender    International

KURSE / SEMINARE / MÄRKTE
ANZEIGEN
VORSCHAU / IMPRESSUM

Leseproben

Ruth Korthof

Kunst-Geschichten
Überall um uns herum gibt es schöne Dinge. Wir als Menschen fühlen uns zu schönen Dingen hingezogen. Du siehst es, ich sehe es, wir alle sehen es. Aber es ist nicht nur eine Welt der Schönheit, in der wir leben, es gibt auch Schmerz. Ob groß oder klein – ein Länderkonflikt oder mein innerer Schmerz – wir kommen nicht daran vorbei. Es gibt kein Entrinnen vor den Kämpfen im Leben. Ich nenne es Zerbrochenheit und eine meiner Lieblingsbeschäftigungen im Leben ist es, aus Zerbrochenheit Schönheit zu gestalten.
Aus Zerbrochenheit Schönheit schaffen, das begann vor Jahren. Der alte Mülleimer bekam Räder. Einer Lampe wurde mit etwas Gips und einer Brosche meiner Großmutter neues Leben eingehaucht.
Als ich von meinem Vater 64 Enzyklopädien geerbt habe, habe ich daraus einen Tisch gemacht (wer liest noch Enzyklopädien?). Zerbrochene Teller, ein paar Anhänger und eine Teetasse werden in meinen Händen zu einem unvergesslichen Servierteller. Aus gebrauchten Nespresso-Tassen wird eine Tischlampe und aus Plastikflaschen eine Blumenvase.

Ruth Korthof

Fabienne Withofs

Künstlerin des Gleichgewichts und der Erkundung
Fabienne Withofs ist eine zielgerichtete und rigorose Bildende Künstlerin, die die Welt umarmt, nahtlos zwischen verschiedenen Genres wechselt, ungefiltert und stets in ruhiger Manier. Ihre skulpturale Arbeit spiegelt eine Persönlichkeit wider, die sich zutiefst dafür einsetzt, die Realität durch Ton zu verstehen. Sie strukturiert, dekonstruiert und rekonstruiert, bis sie das Gleichgewicht zwischen materiellen und handwerklichen Grenzen verschiebt. Dabei hält sie einen uneingeschränkten Diskurs aufrecht. Mit Ton als Medium verfügt sie über ein Material, das ihr Wesen widerspiegelt und mit dem sie in der Lage ist, Emotionen hervorzurufen, zum Entdecken anzuregen, zu karikieren und ihr Publikum zu fesseln. Doch erst wenn sie ihre Werke neben ihren Zeichnungen, Gemälden, Gravuren oder Schmuckstücken präsentiert, kann man die Tiefe des Universums, das sie inspiriert, wirklich ergründen.
Ihre jüngsten Arbeiten enthüllen ihre künstlerischen Facetten und verschmelzen 40 Jahre Forschung zu einer Ästhetik, die sowohl introspektiv als auch transgressiv ist. Sie knüpft beispielsweise ungewöhnliche Verbindungen, indem sie ein Leinwandkunstwerk mit einem Keramikstück zu einer Mixed-Media-Skulptur verschmilzt oder ein Steinzeugstück mit Papier umhüllt.
Sie sorgt für Überraschungen und macht wie immer den kreativen Prozess transparent, ohne Rücksicht auf Konventionen. Dieses berufliche Leitmotiv manifestiert sich in verschiedenen Formen, beeinflusst durch ihre Impulse, Begegnungen oder Reisen.

(Cédric Piechowski)

Fabienne Withofs

Wu Haoyu

Natürliche Form und neue Kunst
Neues Steinzeug: Mein Weg des Schaffens von Keramikkunst
Persönliche Kunsterfahrung und -erkundung
Im College kam ich in Kontakt mit Keramik und beschloss, mich diesem Material mit seinen unendlichen Möglichkeiten zu widmen. Keramik hat einzigartige künstlerische Eigenschaften. Die tiefgreifende Auseinandersetzung von der Materialtechnologie bis zur Formgebungstechnologie ist ein äußerst langer Prozess, der ein breites Spektrum an Wissen erfordert.
Im Jahr 2008 habe ich die Keramikserie „Encounter“ geschaffen. In dieser Werkreihe habe ich mich mehr darauf konzentriert, das inhärente Denken zu durchbrechen, schnell und frei in einem Zustand ohne Thema oder Inhalt zu „kritzeln“, reine Formen in vielen verflochtenen Linien zu finden und zu versuchen, Geschwindigkeit zu nutzen, um mein Nachdenken zu reduzieren. Ich habe einmal geschrieben: “In den letzten Jahren versuche ich, nicht zu denken und allein in der Leere zu bleiben, versuche die inhärente Ideologie der Vergangenheit zu vergessen und sogar die materielle und keramische Schöpfung selbst zu vergessen, auf der Suche nach einem Instinkt, um mit Leidenschaft zu erschaffen. Ich präsentiere langsam mein Unterbewusstsein, von gedankenvoll zu gedankenlos, von problematisch zu unbenannt, von greifbar zu immateriell.”

Wu Haoyu

Claudia von Boch

Material und Form: Menschen und Geschichten
Ich habe Ihre interessante, große, faszinierende Plastik vor 2 Jahren in Nyon gesehen. Wie haben Sie eigentlich mit Keramik angefangen?
Ich wurde 1957 in Kanada geboren und entdeckte die Keramik im Alter von 10 Jahren in Argentinien, wo ich 23 Jahre lang lebte. Als ich 10 Jahre alt war, besuchten meine Eltern einen Freund, einen argentinischen Keramiker. Der Besuch im Atelier hat mir wirklich die Augen geöffnet und ich habe eine unmittelbare Verbindung zu Ton gespürt. Seitdem beschäftige ich mich mit Keramik. Es ist etwas, das für mich zur Selbstverständlichkeit geworden ist.
Zuerst war es ein Hobby, aber dann wurde ich Autodidaktin – ich nahm an Keramikkursen teil, lernte Technik und das Drehen bei argentinischen Keramikern (Jorge Basile, Guillermo Mané). 1990 zog ich mit meiner Familie in die Schweiz. Erst dann, nach meiner Ankunft in der Schweiz strebte ich den Beruf einer Keramikerin an.
Nach einem Jahr an der Céruleum Visual Arts School in Lausanne (1994–95) erlangte ich einen Bachelor-Abschluss in Keramik an der Kunstgewerbeschule in Vevey (1995–99). 25 Jahre lang habe ich Erwachsenen und Kindern Keramik beigebracht und gleichzeitig in meinem Atelier eigene Kreationen entwickelt, die in der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, Italien, Kroatien, den USA und in Kanada ausgestellt wurden.
Im Laufe der Jahre habe ich Aufbaustudiengänge in Paperclay (Barbara Wagner), Formenbau (Sasha Wardel, Séverine Emery-Jacquier, Francois Lemaire), Kalligraphie (Claire Mosnier, Denise Lach) und Porzellan (Jingdezhen) absolviert.

 

(Monika Gass)

Claudia von Boch

Gabriele Nocker

Versehrte Räume
Verschiedene Werkgruppen durchziehen Gabriele Nockers keramische künstlerische Arbeiten. Dabei hat mich ihre künstlerische Konsequenz und Vielfältigkeit immer beeindruckt. Gemeinsam ist ihren Werken eine genaue Formensprache, das Brennen im Raku- oder Rauchbrandverfahren und häufig auch die Kombination ihrer Keramikobjekte mit anderen Materialien, sei es Metall, Stein oder manchmal auch Holz. Dabei handelt es sich meist um Fundstücke, objets trouvés, die – achtlos weggeworfen und mittlerweile wertlos – keine Funktion mehr haben und wie Relikte einer unzugänglich gewordenen Vergangenheit erscheinen. Ihnen wird nun in den Objekten der Künstlerin ein neuer Platz eingeräumt, indem sie in ein anderes Bedeutungsgefüge transponiert werden. Aus ihrem ursprünglichen Funktionszusammenhang herausgenommen erhalten die Fundstücke in der künstlerischen Arbeit,, eine neue Funktion bzw. Nicht-Funktion.
„Die Spannung zwischen unterschiedlichen Materialien wie Metall und Ton empfinde ich als eine Quelle von mich auch selbst überraschenden Ausdrucksmöglichkeiten. Meine Erfahrung ist, dass Materialkombinationen die Eigentümlichkeiten des jeweils anderen Materials deutlicher hervortreten lassen. Und irgendwie entsteht dadurch eine eigentümliche, rätselhafte Energie“, so Gabriele Nocker. Auf spielerische Weise scheinen sich für sie in einer Art Verführung durchs Material diese unterschiedlichen Formen zu finden und schließlich zu einer Gesamtarbeit zu verbinden. Das Objekt erscheint fast wie ein genetisches Prinzip: Hybrid, Métissage, Kreuzung.

(Martin Oswald)

Gabriele Nocker

Mirabilia – Lyon, Frankreich

Anfang April 2024 lud Lyon zur 2. Biennale Mirabilia-Lyon ein. Das Event fand statt hoch über den Dächern der ehemaligen Seidenstadt in unmittelbarer Nachbarschaft der Basilika Notre – Dame de Fourvière.
Im erst kürzlich renovierten Carré mit seinem Glasdach tauchte der Himmel die ausgestellten Werke in ein lichtdurchflutetes Ambiente.
Mirabilia ist die Frucht einer Gruppe kunstinteressierter Freunde, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Künstlern aus verschiedenen Sparten zur Präsentation ihrer Werke eine Plattform zu schaffen.
32 Künstler, Künstlerinnen und Kunsthandwerker wurden nach erfolgreicher Bewerbung zu dem 3 1/2 Tagen dauernden Event eingeladen. Dieses fand gleichzeitig mit den europäischen Kunsthandwerks-Tagen statt. Gastland war Portugal. Eingeladen war die junge portugiesische Künstlerin Eneida Lombes Tavares, die mit ihren Werken, einer Verbindung von Steingut und traditioneller Korbflechterei, vertreten war.
Die Werke und Techniken der ausstellenden Keramikerinnen konnten nicht unterschiedlicher sein.

Esti Reich

Laurent Petit & Benoît Pouplard

Zeitgenössische Keramik aus Frankreich
Ausstellung im Stadtmuseum Siegburg

In dieser diesjährigen Siegburger Ausstellung zur zeitgenössischen Keramik begegnen sich die freien Arbeiten zweier Künstler aus Frankreich, die mit den traditionellen Techniken der Keramikproduktion brechen. Beide orientieren sich an der Natur – Laurent Petit an der Erde, an Bäumen und Pflanzen; Benoît Pouplard an Wasser und Eis. Beide arbeiten mit Brüchen, Rissen, Auffaltungen und Verschmelzungen. Beide verwenden das Verfahren des Abformens, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Jeder auf seine Weise sind sie auf der Suche nach einem Ausdruck für die Dialektik von Wachstum und Vergänglichkeit, der Verwandlung der Materie, Chaos und Ordnung, und der Verletzlichkeit der Schöpfung. Trotz dieser Analogien in ihrem Werk, sprechen sie beide eine sehr authentische, eigene Sprache.
Laurent Petit lässt sich von Geschichte, Mythologie, Archäologie und Natur inspirieren, um Werke zu schaffen, die sowohl skulptural als auch malerisch sind. Seit 2018 entwickelt er drei Werkfamilien: die Mythologies – frei nach den Geschichten der alten Griechen, die Vestiges – geschnitzte Blöcke mit rätselhaften Drapierungen und die Élégances du chaos, die chaotische Formen mit eher geometrischen Gitterstrukturen verbinden.
Benoît Pouplard ist fasziniert von Wasser und Eis, von der Macht und Kraft ihrer Struktur und ihrem Wandel durch die Jahrtausende, und der, wie er es nennt, “Choreographie des Gletscherchaos“. Es ist ihm ein großes Anliegen, in seinen Arbeiten “die Seele des Nordens einzufangen, eine sich verändernde Welt zu dokumentieren, geschmolzene Materie, die unter dem Bruch des Gletschers sprießt.“
(Gundula Caspary)

Laurent Petit, Le crépuscule du bol – n°2, 24,5 x 66 x 36 cm, Detail

Künstlerjournal

Jing Huang – China
Jing Huang (1989), geboren in Guilin, absolvierte das New York State College of Ceramics der Alfred University in den USA. In Bezug auf die drei Hauptelemente ihrer Arbeit – Wolken, Berge und Wasser – findet Huang es schwierig, Wasser eine Form zu geben. „Die schmelzende Glasur, die als Reaktion auf die Topographie und Schwerkraft auf natürliche Weise herabfließt und Wasser ähnelt, wird nicht mit Tuschemalerei gezeichnet, sondern durch die Verwendung leerer Räume ausgedrückt. Diese Glasuren fangen eher den Geist des Wassers als seine physische Form ein.“

Kim Simonsson – Finnland
Nach Abschluss am College of Arts der Aalto-Universität nahm Kim Simonsson (geb. 1974) an einem Artist-in-Residence-Programm in Kanada teil. Nachdem er die Rede des japanischen Künstlers Takashi Murakami in der Power Plant Contemporary Art Gallery besucht hatte, bekam er den ersten Eindruck von „My Lonesome Cowboy“ und den japanischen Mangas und Animes. Beeindruckt von Murakamis geradlinigem Ansatz schuf Simonsson später eine Reihe von Mädchen, denen Speichel, aus Glas, aus dem Mund tropft. Er wurde 2004 als finnischer aufstrebender Künstler geehrt, eine prestigeträchtige Auszeichnung, die ihm zu Anerkennung in der finnischen Kunstwelt verhalf.

(Ting-Ju SHAO)

Jing Huang – China

Kim Simonsson – Finnland

Werkstattgespräch mit Carol Sinclair

Carol, lass uns mit Deiner Biographie und Deiner professionellen Karriere beginnen.
Ich betreibe mein Keramikatelier seit 33 Jahren und habe einen Abschluss in Keramik von der Grays School of Art in Aberdeen. Zwölf Jahre lang habe ich mein Fliesenstudio in Edinburgh betrieben und drei Jahre lang auch eine Galerie. Seit zwanzig Jahren kombiniere ich mein Schaffen mit Projekten und Beratungstätigkeit und genieße diese Ausgewogenheit der Tätigkeiten sehr. Jetzt arbeite ich als Keramikerin und kreiere Einzelstücke für Ausstellungen und Projekte.

Du kombinierst Deine Keramikpraxis mit Deiner Arbeit in der Kunst- und Unternehmensberatung. Kannst Du das näher erläutern?
Vor etwa 20 Jahren wurde ich eingeladen, einen Vortrag über meine Studiopraxis zu halten und mir wurde klar, wie viel ich gelernt hatte, und dass ich vielleicht etwas von diesen Erfahrungen teilen könnte. Ich habe als Freiberuflerin für eine Reihe wunderbarer Organisationen gearbeitet und es ist eine große Freude und ein Privileg, mit Menschen aus allen kreativen Disziplinen zusammenzuarbeiten. Es hilft mir zu verstehen, was uns antreibt, die Herausforderungen und Belohnungen die wir erhalten.

(Evelyne Schoenmann)

Carol Sinclair

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